#Stop Motion Sonntag 351: Continue the Story 2025: June

  • am 25.08.2025 00:10 , bearbeitet am 25.08.2025 07:37


    Continue the Story ist ein seit 2023 jährlich stattfindendes Event, bei dem jeden Monat ein Film von einem anderen Brickfilmer erscheint, der die Geschichte fortsetzt.

    Der Film um den es heute geht ist aus der diesjährigen Iteration - also CTS 2025 - und stammt von LOTW Studios.


    Als Teil von CTS hängt der Film natürlich unweigerlich mit anderen Werken zusammen.

    Jedoch funktioniert er auch ohne die anderen Teile gesehen zu haben.

    Insgesamt ist das Storytelling hier von großer Klasse, welches sich sehr gut mit der 3-Akt-Struktur analysieren lässt.

    (Da jetzt eine Analyse des Storytelling folgt, sollte klar sein, dass es einige spoiler gibt… also JETZT den Film schauen, dann zurückkommen ;D)


    Das ganze beginnt, indem die beiden Hauptcharaktere von CTS 2025 - ein Ritter namens Baldwin und ein Zauberer - an einem Lagerfeuer rasten. Der Zauberer erwacht und verkündet, sie müssen aufbrechen. Am Zielort - einer Bibliothek - angekommen, erklärt er, dass ihm vom Geist des großen Magiers Balthazar the Brave gesagt wurde, Baldwin sei derjenige, der das Amulet of Courage (Amulett des Mutes) - „ein mächtiges Werkzeug, von dem gesagt wird, es bringe dem Träger große Kraft“ - tragen soll. Baldwin solle das Amulett aus dem Temple of Courage holen - jedoch erst nachdem er sich als würdig erwiesen hat. Zu diesem Zweck sollte der Zauberer Baldwin zu dieser Bibliothek bringen.

    Diese Vision Balthazars würde ich als den „Inciting Incident“  des Films also das Ereignis, durch den die Geschichte ins Rollen kommt, bezeichnen.


    Der Zauberer nimmt Baldwin also mit in die Bibliothek und trägt im dort auf, von der Weisheit der Bücher zu lernen und - ohne auf Baldwins Einspruch zu hören - geht er fort.

    Das Problem: Baldwin kann gar nicht lesen.

    Glücklicherweise kann der Bibliothekar ihm weiterhelfen. Er bietet Baldwin an, ihm das Lesen beizubringen - allerdings nicht umsonst… und Baldwin hat kein Geld.

    Hier befindet sich der 1. Wendepunkt. Hier ändert sich das Verhalten des Hauptcharakters und der Verlauf der Story. Geschichten haben üblicherweise zwei Wendepunkte, die die Wechsel zwischen den Akten markieren - von hier an sind wir nun also in Akt 2 (üblicherweise dem längsten Akt)


    Um den Bibliothekar bezahlen zu können macht Baldwin sich auf in das kleine Dorf in der Nähe der Bibliothek, wo er Arbeit in einer Gaststube findet.

    Am Abend bedient er die Gäste und erfährt dabei einiges über die Personen, die dort leben - insbesondere über ihre Probleme: Schreckliche Monster überfallen das Dorf, wodurch niemand seine Arbeit vernünftig machen kann und es generell allen schlecht geht.

    Trotz dieser Umstände ist allerdings niemand bereit, etwas dagegen zu unternehmen. 


    Bei seinem Leseunterricht kommt Baldwin eine Idee, wie man das Problem lösen könnte.

    Er versammelt das Dorf und erklärt seinen Plan - und nach und nach schließen die Dorfbewohner sich ihm an und bieten ihre Hilfe an.

    Diese Stelle markiert den Mid-Point. Dieser kommt, wie der Name vermuten lässt, ungefähr in der Mitte des Films und zeichnet sich dadurch aus, dass dort meist einmal Alles auf den Kopf gestellt wird. Die Ziele, beziehungsweise die Vorgehensweise der Charaktere ändern sich drastisch.

    Zuvor waren die Dörfler zwar unzufrieden, allerdings haben sie nichts dagegen unternommen und sich einfach damit abgefunden - jetzt jedoch sind sie bereit, für ihre Sicherheit zu kämpfen und helfen aktiv mit, sich zu verteidigen.


    Es folgt eine klassische Montage: Die Dörfler und Baldwin bereiten alles vor, um ihren Plan - die Monster durch einen riesigen, hölzernen Drachen zu verjagen - in die Tat umzusetzen. Gleichzeitig nimmt Baldwin weiterhin Leseunterricht beim Bibliothekar.

    Dann ist es so weit:

    In einer Nacht kommen die Monster wieder, doch die Dörfler schaffen es auf spektakuläre Art und Weise, sie zu verjagen.

    Was auf den ersten Blick wie der Climax - also der Höhepunkt - der Geschichte wirkt, ist es in Wirklichkeit gar nicht. Es ist nicht der Augenblick, in dem alle Aspekte der Erzählung zusammenführen, die Kulmination der Ereignisse.
    Tatsächlich ist es aber ein gutes Beispiel dafür, dass viele Geschichten sich nochmal in kleinere Teile aufteilen lassen, welche wiederum in die 3-Akt-Struktur passen.

    Das Vereiteln des Überfalls ist der Höhepunkt des zweiten Akts, aber nicht der Höhepunkt, der Geschichte.


    Baldwin kehrt am nächsten Tag zur Bibliothek zurück, um eine weitere Leseübung in Anspruch zu nehmen, aber was ist das? Es ist der 2. Wendepunkt!

    Der Zauberer ist wieder da und erklärt, dass Balthazar ihm gesagt hat, Baldwin sei bereit.

    Baldwin streitet das ab, da er kaum zum lesen der Bücher gekommen ist, aber der Zauberer zweifelt nicht daran, dass Balthazar recht hat.

    Sie brechen also zum Temple of Courage auf und das heißt es geht in den 3. Akt, welcher häufig der Kürzeste ist.


    Baldwin betritt den Tempel und trifft dort auf Balthazar.

    Hier findet nun der tatsächliche Climax statt - kein großer Kampf, sondern ein Gespräch; eine Art übernatürliche Begegnung.

    Balthazar erklärt Baldwin, dass dieser nie zur Bibliothek gebracht wurde um die Bücher zu lesen, sondern um seinen Mut zu finden - und den Mut in anderen zu wecken.

    Es folgt eine Unmenge an Lore und Hintergrundinformationen, die den folgenden Parts dienen können, die Geschichte fortzusetzen - für diesen Film ist deren Bedeutung aber hauptsächlich, Baldwin aufzuzeigen, wie wichtig Menschen wie er sind.

    In diesem Gespräch kommen alle Aspekte des Films zusammen und werden aufgelöst, beziehungsweise fortgeführt.

    Denn Baldwin bekommt nun das Amulet of Courage überreicht und kehrt damit zum Zauberer zurück, und die beiden machen sich auf den Weg, zu dem Ort wo sie am meisten gebraucht werden - wo auch immer das sein mag.


    Ein sehr passendes Ende, dass dazu einlädt, die Geschichte weiterzuführen, sich aber dennoch wie ein würdiger Abschluss des Films anfühlt.

    Um zu verstehen, woran das liegt, ist es hilfreich sich die „Wants & Needs“ der Charaktere anschaut - oder in diesem Fall vor Allem das „Want“ und das „Need“ von Baldwin.

    Sein „Want“ - also das, was er erreichen möchte; sein bewusstes Ziel; seine Motivation, die ihn antreibt - ist, würdig zu sein, das Amulet of Courage zu tragen und in Verlängerung dessen: sich als das erweisen, was der Zauberer in ihm sieht.

    Sein „Need“ auf der anderen Seite - also das, was der Charakter tatsächlich braucht; das was er lernen muss - ist, seinen eigenen Mut zu finden; sich selbst als jemand zu sehen, der Anderen helfen kann, ganz ohne sich dabei verändern zu müssen und das auch tut.

    Meist erfährt man von einem Charakter zu Beginn nur das „Want“ - seine Maske, wenn man so will. Über den Lauf der Geschichte hinweg wird dann immer klarer, was sein „Need“ ist - im Gegensatz zur Maske wäre das sein Wahres Ich.

    In diesem Fall ist es nicht anders, man kann immer mehr sehen, wie Baldwin seinen Mut findet und den Mut in anderen inspiriert, bis Balthazar sein „Need“ am Ende dann vollständig offenbart.


    Basierend darauf, ob der Hauptcharakter seine „Wants & Needs“ erreicht, lassen sich Geschichtsenden kategorisieren.

    In diesem Fall erreicht Baldwin am Ende beides - Er hat seinen Mut gefunden und Anderen geholfen, und er hat sich dadurch auch als Würdig erwiesen.

    Damit zählt dieses Ende als klassisches Happy End oder auch Sweet Ending.


    So…. Jetzt hab ich verdammt viel geschrieben - und ich könnte noch viel mehr schreiben, schließlich sind auch Animation, etc. bei diesem Film sehr gut.

    Allerdings muss irgendwann auch genug sein und ich denke dieser Punkt ist erreicht ;)


    Ich hoffe ihr habt den Film alle schon gesehen. Fall nein - warum lest ihr euch dann eine Story-Analyse dazu durch??? Los! Schau den Film! JETZT!


  • am 27.08.2025 19:11

    Krasse Abhandlung! Da zahlt sich das Filmstudium doch direkt aus!


    ...oder würde es jedenfalls, wenn Brickboard-Journalist eine bezahlte Position wäre, lel